Deus ex Ucraina

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Geschichte von Oleksii Dubrov

Illustriert von Maryna Lutsyk

An diesem Tag weckte mich das Pfeifen der explodierenden Geschosse, die im Zentrum von Moskau einschlugen. Automatisch warf ich den Rand der warmen Bettdecke beiseite und sprang, nur mit einem dünnen Sommerpyjama bekleidet, auf den Fußboden. Er war mit winzigen, „altmodischen“ Kacheln ausgelegt. Vier von ihnen hätten in meine Handfläche gepasst. Normalerweise zierten die Kacheln alte Öfen, aber aus irgendeinem Grund waren sie in dieser Wohnung auf dem Fußboden installiert. Sie waren blau auf weiß und zeigten Bilder von fantasievollen Muscheln, die unmöglich geformt waren. So etwas hätte die Natur niemals geschaffen, dachte ich.  Mit ziemlicher Sicherheit hatte der örtliche Kunsthandwerker noch nie echte Muscheln gesehen.

Es gab keine Sirene, weil das Warnsystem vor zehn Jahren feierlich abgebaut worden war. Aber irgendwie wusste ich, was geschah und was zu tun war. Ich glaube, mein Wissen hing mit meiner Epilepsie und den seltsamen Déjà-vu-Erlebnissen zusammen, unter denen ich seit meiner Kindheit leide.

Ich erinnere mich an mein erstes Déjà-vu-Erlebnis. Ich war erst zehn Jahre alt. Damals lebte ich in der chinesischen Besatzungszone von Moskau. Die Leiterin des Waisenhauses, die alte Frau Mao, die ihrem Äußeren nach zu urteilen weit über hundert Jahre alt war, schlug wieder einmal mit ihrem Gehstock auf mich ein. Sie ging damit, nicht weil sie alt war, sondern weil sie mit ihren über hundert Jahren mysteriöser Weise immer noch eine sehr beleibte Frau war. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, warum sie mich damals mit ihrem Gehstock angegriffen hat. Ich war ein guter Schüler. Und anscheinend wurde ich nicht wegen meines schlechten Benehmens ausgesondert. Aber sporadisch überkam sie etwas, und sie schlug zu. Wie nennt man das offiziell? Die Vorführung eines „lehrreichen Moments“. Ehrlich gesagt, würde ich es einfach als Prügel bezeichnen, die sie jedem verpasst, der sich in ihrer Nähe aufhält, wenn sie vor Wut glühend heiß war. Meistens passierte das bei mir. Die chinesischen Kinder haben fast nie gelitten.

Ich war also zehn Jahre alt, und eines schönen Sommermorgens, als der Geruch von Rührei auf der Kleidung eines Mitschülers noch in der Luft hing, beschloss Frau Mao, mir ihren lehrreichen Moment vorzuführen. Ihr Gehstock pfiff bereits über meinem Kopf, als ihr Schwung plötzlich in der Luft stehen blieb. Die alte Frau schrie auf und erstarrte mit offenem Mund. Ein paar Sekunden lang stand sie da, wie eine steinerne Statue. Dann krachte sie mit solcher Wucht auf den Schreibtisch, dass dieser umkippte. Das laute Klappern ließ mich erst zusammenzucken und dann auf den Boden fallen, direkt neben Frau Mao, die ein oder zwei Sekunden zuvor dort gelandet war.

Das hätte der glücklichste Tag meiner Kindheit sein sollen, denn die alte Hexe hat nie wieder die Hand gegen mich erhoben und mir Schaden angetan. Aber da hatte ich meinen ersten epileptischen Anfall. Zumindest sagt man mir das, denn ich erinnere mich nicht an den Anfall. Als der Schreibtisch kreischend auf dem Holzboden aufschlug und unter dem Gewicht von Frau Mao zerschellte, kam es mir vor, als wäre mir gerade dasselbe passiert. Ich stürzte automatisch zu Boden und wickelte meine Hände um meinen Kopf. Als Nächstes fühlte es sich an, als würde ein Wirbelsturm in meinem Magen losbrechen, alle möglichen Farben begannen vor meinen Augen zu funkeln und mein Körper begann zu zittern. Ehrlich gesagt, kann ich nicht sagen, dass ich Angst hatte. Spätere Ereignisse tauchen manchmal als bestimmte Szenen in meinen Träumen auf. Der Termin beim Arzt, nach dem ich immer ein paar Tabletten nehme; Fotos von der Beerdigung von Frau Mao, die ich auf der Website des Internats gesehen habe. Seitdem habe ich immer wieder den Traum, dass mir eine schöne Frau in einer Militäruniform zuwinkt. Ich habe es nie geschafft, ihr zu folgen, auch wenn ich es noch so sehr versucht habe.

Man sagt, Menschen, die an Epilepsie leiden, erleben Déjà-vu-Erlebnisse vielfach häufiger als gesunde Menschen. Es ist ein Zustand, in dem sich zwei Realitäten in einem bilden, als ob man sich an einem Ort befindet, aber alle Sinnesorgane und das Unterbewusstsein irgendwo weit weg sind. Die andere Realität kann mit Erinnerungen verbunden sein, mit etwas, das wirklich geschehen ist. Aber manchmal bringt sie Ihnen eine völlig fremde Erfahrung. Sie empfinden die Situation als vertraut, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich an Einzelheiten erinnern, ist praktisch bei null. Es fühlt sich an, als ob man in einen Spiegel der Vergangenheit blickt, aber das Spiegelbild ist extrem verschwommen.

Seit ich zehn Jahre alt war, löste fast jedes laute Klappern dieses dumme Déjà-vu bei mir aus, auf das unvermeidlich ein epileptischer Anfall folgte. Obwohl ich vergesslich und unaufmerksam bin, ist es gut, dass ich mir angewöhnt habe, Tabletten in meiner Hosentasche zu haben, um einen Anfall zu verhindern. Aber die Tabletten haben das Déjà-vu-Gefühl, das Blubbern in meinem Magen und die kleinen Sterne vor meinen Augen nicht gestoppt. Im Gegenteil, sie verlängerten die Symptome. Die Krankheitsanzeichen hielten bis zu zehn Minuten an, und bis dahin konnte ich mein Gehirn und meinen Körper nicht zwingen, normal zu funktionieren. Für einige Zeit danach schienen meine Gefühle ganz zu verschwinden.

Das waren die gleichen Empfindungen, die ich an diesem Tag erlebte – auf dem Boden meiner Moskauer Wohnung, nur dass ich nun in der von den Vereinten Nationen kontrollierten Zone lebte, wo internationale Organisationen den praktischen Teil eines Projekts zur Umerziehung der Russen durchführten. An diesem Tag flogen die Raketen von jenseits des Urals in unsere Besatzungszone.

Ich habe auch an diesem Projekt gearbeitet, nachdem ich vor einigen Jahren in den VN-Teil Moskaus gezogen war. Allerdings als Hausmeister. Aber sie zahlten gutes Geld und stellten mir eine moderne und helle, stilvoll futuristische Wohnung zur Verfügung. Die Fenster, die ich immer mit Rollläden schloss, hatten eine Aussicht auf den ehemaligen Roten Platz, auf dem von all den alten Gebäuden nur noch das Mausoleum stand. Aber nach dem Terroranschlag von letzter Woche wurde die Leiche gestohlen. Und der Platz war nicht mehr rot, weil Architekten aus Berlin ihn mit grauem Beton bedeckt hatten. Die Wohnung gefiel mir nicht, hauptsächlich der Grundriss, aber mein Arbeitgeber zahlte wahnsinnig viel Geld für die Miete. Wie könnte ich ablehnen? Ich hielt mich nie für überarbeitet, aber irgendwie fühlte ich mich immer fix und fertig.

Der Tag des Angriffs versprach sonnig und warm zu sein, der erste Tag dieses Sommers im Jahr 2049. Die Meteorologen prognostizierten keinen Niederschlag in Form von Bomben mit ihrem durchdringenden Pfeifen und Donnern, wenn sie auf den Boden fielen. Die Situation kam mir seltsam vertraut vor, obwohl ich mich daran gewöhnt hatte, mich nicht auf mein Gedächtnis zu verlassen. An einem Tag konnte ich den Wohnungsschlüssel vergessen, an einem anderen meine Uhr. Manchmal wärmte ich eine Tiefkühlpizza auf und vergaß sie im Ofen, bis mich der Rauchdetektor an sie erinnerte. Die alte Frau Mao hat mich ihrer Zeit gezwungen, alles aufzuschreiben. Sie hat mir sogar beigebracht, mit der Hand zu schreiben, obwohl das schon lange niemand mehr gemacht hat. Und als sie starb, hörte ich auch auf, mit der Hand zu schreiben. Sobald meine Fenster zu wackeln begannen, spürte ich, wie sich ein Kältegefühl in allen meinen inneren Organen ausbreitete, vorwiegend in meinen Knochen. Mein Mund wurde augenblicklich trocken. Ich warf automatisch eine Tablette gegen Krampfanfälle ein und schluckte sie mithilfe des wenigen Spuckens, den ich noch hatte, hinunter. Zu allem Übel begann die x-förmige Tätowierung auf meiner rechten Hand heftig zu kratzen. Die chronische Infektion hatte sich verschlimmert und meine Haut war rot und leicht geschwollen.

Ehrlich gesagt, konnte ich nicht sofort begreifen, was da gerade passiert war. Natürlich war mir klar, dass es sich um einen Kampfeinsatz handelte, aber wer könnte angreifen? Zunächst dachte ich, es seien die Chinesen; ihre Besatzungszone in Moskau und im ehemaligen Russland war die größte. Niemand war sich sicher über sie. Die Chinesen haben schmale Augen, sind von kleiner Statur und lächeln immer – außer Frau Mao natürlich. Sie hat niemals gelächelt. Wahrscheinlich bewunderten manche Kinder deshalb ihre Offenheit. Keiner traute einem Lächeln, vor allem nicht einem Chinesen.

Nach einer Stunde klang die erste Serie von Explosionen ab. Ich lauschte dem ständigen Heulen der Sirenen von Krankenwagen und Feuerwehrdrohnen. Ich blieb noch eine Viertelstunde auf dem Boden liegen, dann stand ich auf und schaute aus dem Fenster. Der blaue Himmel war mit riesigen schwarzen Rauchschwaden bedeckt, die nach oben zogen. Die Straßen waren überflutet von Fahrzeugen, darunter landgestützte Luftkissenfahrzeuge, Polizeidrohnen aus der Luft und mit Koffern beladene Lieferdrohnen. Fahrerlose Autos steckten in einem endlosen Verkehrsstau fest. Normalerweise wurden Polizeidrohnen mit dieser Art von babylonischem Pandämonium fertig. Aber es sah so aus, als sei ihre Software abgestürzt, denn sie hingen nur noch zitternd in der Luft. Auf den Bürgersteigen wimmelte es von Fußgängern, die schwere Taschen und schlafende Kinder mit sich herumschleppten. Mein Verstand drängte mich, der Menschenmenge zu folgen, aber nach meinem epileptischen Anfall war ich nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen.

Erst dann kam mir der Gedanke, die Nachrichten auf meiner Uhr zu überprüfen. Ich ging zu dem Nachttisch neben meinem Bett und nahm das Gerät in die Hand. Die chinesische Uhr war zwar alt, funktionierte aber schon seit zwei Jahren einwandfrei. Das runde Mini-Zifferblatt konnte ein holografisches Bild von zehn mal fünfzehn Zentimetern Größe projizieren, was mir völlig ausreichte. Ich drückte auf das Ziffernblatt, aber nichts geschah. Ich drückte es ein zweites Mal – wieder nichts. „Verdammt noch mal! Ich habe vergessen, die Uhr in der Nacht aufzuladen!“ dachte ich. Ich konnte sie in diesem Moment nicht aufladen, weil es keinen Strom gab. Die Bomben hatten wahrscheinlich die nächste Windmühle auf einem Dach ein paar Blocks von meiner Wohnung entfernt beschädigt.

Ich dachte, ich könnte die Leute fragen, wohin sie fliehen wollten, und ihnen einfach folgen. Ich packte ein paar Sachen in meinen Rucksack (Wasser, Unterwäsche und ein A3-großes Poster des Londoner „Gherkin“-Wolkenkratzers an der 30 St. Mary Axe). Dann fiel es mir ein. Ich sollte bei der Arbeit vorbeikommen, auch wenn es mein Feierabend war. Die Nichtregierungsorganisation „Neue Russen“, bei der ich als Hausmeister arbeitete, befand sich in einem Geschäftszentrum in einem anderen Stadtviertel. Vielleicht hatten sie dort Strom. Ich beschloss, dass es besser war, mein Gerät aufzuladen, bevor ich abreiste, da ich alle meine Dokumente darauf gespeichert hatte. Zu meinen Nachbarn zu gehen und zu fragen, ob sie Strom haben, kam mir nicht in den Sinn, weil ich nach fünf Jahren hier niemanden mehr kannte. Und warum sollte mir überhaupt jemand helfen?

Früher, nach einem epileptischen Anfall, war meine flache Wirkung auf der Straße nie anderen aufgefallen. Schließlich trugen alle einen ähnlichen Gesichtsausdruck. In diesem Moment stand meine ruhige Gelassenheit in krassem Gegensatz zu den panischen Männern und Frauen, die mit schweren Koffern, verblüfften Kindern und erschrockenen Haustieren beladen waren. Nachdem ich mir einen Weg durch die chaotischen Menschenmassen gebahnt hatte, die weiterhin in alle Richtungen rannten und „Achtung!“ und „Сours plus vite!“ riefen, erreichte ich schließlich mein Büro, wo ich nur meinen Chef Günther Dupré traf. Sein kohlschwarzes Haar, das normalerweise mit literweisem Gel eingefettet war, lag in allen Richtungen zerstreut.

„Hektor, warum hast du dich hierher gedrängt?“ Er starrte mich mit Augen an, die sich vor Angst in Quadrate verwandelten.

Das war das erste Mal, dass ich diesen gebildeten Intellektuellen von der Saar das Wort „drängen“ sagen hörte.

„In meinem Haus gibt es keinen Strom, und mein Uhr-Akku ist leer. Wo soll ich denn sonst hin?“ Ich streckte meine Hände aus, Handflächen nach oben.

Ich habe keine Verwandten, und mit Freunden hat es nicht geklappt. Nein, ich beschwere mich nicht über meine Kollegen; sie waren immer nett zu mir. Wir gingen oft zum Mittagessen aus und unterhielten uns in den Fluren. Aber sobald wir die unsichtbare Bürogrenze überschritten hatten, wurden wir zu Fremden. Ich wurde nie zu abendlichen Treffen in Bars oder zu Geburtstagen eingeladen. So war es nicht verwunderlich, dass sich niemand dafür interessierte, was heute mit mir geschah.

Günther klickte fieberhaft auf seinem holografischen Bildschirm, murmelte etwas Aggressives und überblickte ständig seine Umgebung. Ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals so erschrocken gesehen zu haben. Stets in ein perfekt gebügeltes Hemd gekleidet, demonstrativ höflich und freundlich, glich er heute einem ängstlichen Rehkitz, das darauf wartet, von einem Raubtier angegriffen zu werden. Ich stellte meine Uhr auf das Schnellladegerät ein; ein paar Minuten reichten für mein Modell völlig aus.

„Hast du denn gar keine Angst vor den Bomben? Dir ist doch klar, dass unsere Zone völlig wehrlos ist?“ fragte Günther, ohne seinen Blick vom Holo-Bildschirm zu nehmen. Ich erinnere mich, dass ich viele schwere Schweißtropfen auf seinem Gesicht bemerkt habe – eine weitere Neuigkeit.

„Man hat uns überzeugt, dass ein Krieg hier unmöglich ist“, antwortete ich und schaltete meine Uhr ein. „Sie glauben, es waren die Chinesen?“

„Warum hat mich niemand gewarnt?“, stöhnte er und bedeckte sein Gesicht mit der Hand. „Nach allem, was ich getan habe!“ In diesem Moment quietschte Günthers holografischer Bildschirm. Er schrak auf und holte dann eine runde Speicherkarte aus dem Lesegerät. Sie war nicht größer als sein zarter kleiner Fingernagel. Günther sprang auf und sprach mich mit einem Zittern in der Stimme an:

„Im M-moment ist es i-immer noch m-möglich, evakuiert zu w-werden“, stammelte er und blickte durch das Fenster auf den Rauch, der am Horizont aufstieg. Dann atmete er ein paar Mal ein und aus, um sich wieder zu beruhigen. „Komm mit mir, jetzt, da du hier bist. Zu zweit wird es irgendwie leichter sein.“

„Evakuiert wohin?“, fragte ich.

„Nach P-P-Paris“, zwang er sich und blieb stehen, um sich zwischen die Tische und mich zu quetschen. Dann sah er mich an und sagte: „OK, du lächelst nie, aber könntest du wenigstens jetzt Angst haben!“

Ich zuckte mit den Schultern und folgte ihm schweigend. Als wir auf die Straße stürmten, begannen die Auswirkungen des morgendlichen epileptischen Anfalls langsam zu verschwinden, und mein Gehirn setzte wieder einige nicht autonome Prozesse in Gang. Während ich Günther durch eine Menge verrückter Augen und staunender Münder folgte, betrachtete ich die Rauchwolken, die den Himmel weiterhin in einer dichten Kuppel bedeckten. Er sank langsam herab und machte das Atmen immer schwieriger. Meine Kehle war wie ausgedörrt. Die Menschen ringsum husteten ohne Pause, wie starke Raucher, kurz bevor sie sterben.

Günther hatte recht. Unser Teil Moskaus war absolut schutzlos gegen jeden Angriff. Alle Truppen und Waffen waren von hier abgezogen worden, als Frau Mao noch lebte, und das war vor zwanzig Jahren. Damals sagte man, die internationalen Organisationen hätten in diesem Gebiet ewigen Frieden geschaffen. In der chinesischen Besatzungszone, im Fernen Osten und in der baltischen Zone in St. Petersburg wurden die Garnisonen zwar reduziert, aber nie ganz abgezogen. Die Ukrainer hingegen verstärkten ihre militärische Präsenz in Smolensk und Moskau, wofür sie in den letzten zwanzig Jahren gnadenlos kritisiert worden waren. Vielleicht waren es ja die Ukrainer, die angegriffen hatten. Woher sollten die Russen in Zone 5 die Bomben nehmen? Es stimmt, dass der „ewige Frieden“ in unserer Zone seit einigen Monaten durch terroristische Akte gebrochen wurde, für die keine der bekannten Organisationen die Verantwortung übernommen hatte. Die VN war hilflos.

Günther geriet in Panik, als eine neue Runde von Bombenangriffen begann. Ich verschluckte eine Tablette und landete schnell auf dem Boden. Er starrte mich ein paar Sekunden lang an, dann ließ er sich zu Boden fallen.

„Wir müssen runter in einen Luftschutzraum, zur U-Bahn-Station“, schlug ich vor. Günther nagte nur an seinen gepflegten Fingernägeln. „Der nächstgelegene …“ Ich schaute mich, um und versuchte mit aller Kraft abzuhalten, dass mein Gehirn in einen post-epileptischen Benommenheit verfällt. „…ist der Dostojewski Platz.“

„N-n-n-nein!“ Günther kreischte. „Wir sind in der Nähe, und die Busse sind nur ein paar Blöcke entfernt!“ Wie mit der Hand eines Riesen packte ich ihn am Hemdkragen und zerrte ihn in Richtung der Unterführung. Günther versuchte etwas zu murmeln, fuchtelte mit den Händen, aber ohne Erfolg. Nachdem er ein Dutzend Mal auf der Treppe gestolpert war, gab er schließlich nach, löste sich von mir und willigte ein, zum Bahnhof hinunterzugehen.

Innerhalb einer Minute befanden wir uns in einem Gedränge von erschrockenen Menschen aller Nationalitäten: Deutsche, Franzosen, Polen, Serben, Bulgaren, Litauer und andere. Viele von ihnen beäugten misstrauisch mein heiteres Gesicht; als sie es sahen, drehten sie sich sofort um und versuchten, sich so weit wie möglich zu entfernen. So, wie sie es immer tun.

Auf dem Bahnsteig selbst konnten wir nicht weit gehen; nachdem wir mühsam die Stufen der außer Betrieb befindlichen Rolltreppe hinuntergegangen waren, kam die Menschenmenge zum Stillstand. Ich sah über die Köpfe der Leute hinweg, die ständig in verschiedene Richtungen zuckten, und entdeckte ein kleines Fach in der Wand, über dem ein roter Kasten mit einem Feuerwehrschlauch hing.

Ich bahnte mir einen Weg durch das Gedränge, trat den entgegenkommenden Omas auf die Füße und zog Günther Dupré hinter mir her, bis ich die Stelle erreichte. Ich hatte Glück. Der Boden unter dem Feuerwehrschlauch war nicht besetzt, und wir krochen hinein und setzten uns hin. Meine Tätowierung fing wieder an zu jucken, und ich versuchte, sie zu kratzen, ohne dass es jemand bemerkte, aber es gelang mir nicht. Eine alte Dame, die in der Nähe stand, schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Ich gab ihr ein Zeichen, dass neben mir genug Platz war, damit sie sich auch setzen konnte. Doch sie schürzte nur verächtlich die Lippen.

Ich schaute Günther Dupré an und sah, dass er sich die Knie umklammerte, was aber nicht das Zittern in den Knien verhinderte. Ich winkte ihm mit der Hand vor dem Gesicht, zwang ihn, den Kopf zu mir zu drehen, und sagte: „Die Bomben werden uns hier nicht erreichen“.

Er schaute zur Seite. Die Menschenmenge brummte. Die Leute versuchten, die holografischen Bildschirme ihrer Handys zu aktivieren, um die neuesten Nachrichten zu bekommen. „Ja! Ich kann die auch prüfen!“ dachte ich und hob meine linke Hand, aber meine Uhr war nicht da. Ich tastete meine Hosentaschen ab und überprüfte sie erneut, aber sie waren leer. „Verdammt“, dachte ich. „Habe ich die Uhr im Büro vergessen, nachdem ich sie aufgeladen hatte?“ Ich riss meinen Kopf zurück und schlug ihn hart gegen die Granitwand. Mich überkam ein Schmerz, der mich zwang, die Zähne zusammenzubeißen. Fieberhaft reibe ich mir den Hinterkopf und frage Dupré: „Günther, kannst du mir deine Uhr geben? Ich werde versuchen, etwas Nachrichten zu finden.“

„Im Büro kursierten Gerüchte, du stammst aus der Ukraine. Stimmt das?“, fragte er und reichte mir sein Gerät.

„Ich bin eine Waise“, antwortete ich und drückte auf das Zifferblatt der Uhr. Aber der holografische Bildschirm war leer, und schließlich erschien ein kleines Symbol mit der Aufschrift „Keine Verbindung“. Ich gab die Uhr an Dupré zurück. „Meine Mutter ist angeblich während des Krieges von 2022 aus der Ukraine geflohen. Ich glaube, mein Vater wurde getötet. Dann, nach dem Sieg, hat mich ein internationales Programm in ein chinesisches Waisenhaus in Moskau gebracht. Das ist alles, was ich weiß.“

„Mit anderen Worten, du hast keine Familie, niemanden?“, fragte er erstaunt. Ich schüttelte den Kopf.

„Meine Frau und meine Tochter sind in Paris“, lächelte Günther. „Sie arbeiten im Familienbetrieb, einer Buchhandlung.“

„Ah-аh-аh“, war alles, was ich sagen konnte. Ich ahnte, dass ich in dieser Situation etwas mehr sagen musste, aber Geplauder war noch nie meine Stärke gewesen. Vor allem, da niemand mit mir jemals über persönliche Dinge gesprochen hatte – nur über arbeitsbezogene Dinge wie „Hier ist es schmutzig“ oder „Räume da drüben auf“. Das meiste, was ich je gehört habe, war: „Oh, du hast eine neue Frisur“ und „Was für coole, neue Turnschuhe.“ Eine peinliche Stille brach über uns herein. Ich hatte den Eindruck, dass ich derjenige war, der sie brechen sollte.

„Also, was denkst du?“ begann ich. „Haben die Chinesen oder die Ukrainer angegriffen? Den Ukrainern hat wahrscheinlich unser Programm zur Umerziehung der Russen nicht gefallen.“

Günther öffnete den Mund, um etwas zu sagen, als sich plötzlich die Leute um uns herum in Bewegung setzten. Ich bin aufgestanden. Alle gingen auf die Rolltreppe zu.

„Es sieht so aus, als ob es ruhiger geworden ist“, sagte ich zu Günther, und wir schlossen uns dem Strom an. Eine stillstehende Rolltreppe hinaufzusteigen war viel schwieriger als mit einer laufenden herunterzufahren. Eine gute Nachricht war, dass der Menschenstrom häufig anhielt, sodass jeder die Möglichkeit hatte, zu verschnaufen.

Als wir den Ausgang von der U-Bahn in die Unterführung erreichten, sah ich, dass etwas nicht stimmte. Wir hatten die ganze Zeit über immer wieder angehalten, weil oben Leute mit Waffen in der Hand standen. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass es die Angreifer waren. Schließlich war unsere Zone schon vor langer Zeit entmilitarisiert worden. Sie hatten den chinesischen oder ukrainischen Armeen nicht geähnelt, denn sie waren alle unterschiedlich gekleidet, ein Mix an Kleidung, und sie trugen keine einheitliche Ausrüstung.

„Das sind keine Chinesen, noch Ukrainer“, flüsterte ich Günther zu, der schien noch mehr Angst bekommen zu haben.

„W-w-weil es die R-r-russen sind“, antwortete er.

 „Woher weißt du das? Aber woher haben sie ihre Waffen?“ Es war dumm von mir, dies laut zu sagen, denn ich erregte die Aufmerksamkeit der Soldaten, nun ja, dieser bewaffneten Personen, und sie begannen, mich zu beobachten. Ich versuchte, meinen Kopf zu senken, aber er ragte immer noch aus der Menschenmenge heraus.

„Zeigen Sie mir Ihre Dokumente“, sagte einer von ihnen auf Russisch. Ja, er war eindeutig ein Russe. Obwohl es Sommer war, trug er einen schwarzen, löchrigen Pullover und schwere, verblichene Jeans. Sein Gesicht wurde von einer selbst gebastelten Sturmhaube verdeckt, die mich an eine große gestrickte Socke erinnerte. Die Augenlöcher waren von unterschiedlicher Größe. Eines war groß und bis zur Stirn offen, das andere war, wie ein Schlitz – man konnte nicht einmal seine Wimpern sehen.

Mit gesenktem Kopf hielt Günther Dupré mit zitternder Hand seinen französischen Reisepass in der Hand (sie haben noch Papierpässe ausgestellt). Aber der Mann, der ihn überprüfen sollte, warf nicht einmal einen Blick auf das Dokument. Stattdessen schaute er mich direkt an. „Meiner ist digital“, sagte ich achselzuckend, „aber ich habe ihn in meiner Uhr verloren …“

„Was faseln Sie da? Sprechen Sie Russisch!“, schrie mich der bewaffnete Mann an.

„Ein elektronischer Reisepass“, wiederholte ich und zeigte auf Duprés Uhr und dann auf mein Handgelenk. Er muss mich missverstanden haben, denn er riss Dupré die Uhr vom Handgelenk und steckte sie in seine Tasche. Günther Dupré blickte mich wütend an. Der bewaffnete Mann rief einem anderen zu und sagte laut: „Bringt sie zu Nikolskaia!“

„Wozu? Und wo ist Nikolskaia jetzt?“, fragte ein anderer bewaffneter Mann, der die alte Papierkarte in seinen Händen wie ein Rad lenkte und seinen Kopf von links nach rechts schwenkte, um sich in der Stadt umzusehen.

In den fünf Jahren, die ich für die Nichtregierungsorganisation gearbeitet hatte, hielt ich es für seltsam, dass die Russen jenseits des Urals nicht glaubten, dass ihre Väter oder Großväter Moskau im Herbst 2022 in die Luft gesprengt hatten, und so sahen die Straßen heute ganz anders aus. Sie wurden alle neu gestaltet und zu Ehren russischer Kultur- und Persönlichkeiten der Literatur der Vergangenheit umbenannt. Wo früher die Nikolskaia war, befindet sich heute die Kreuzung von Brodskij-Straße und Nieznaika-Gasse. Internationale Organisationen gaben Milliarden von Euro für Umerziehungsprogramme aus, um sie über ihre Geschichte zu unterrichten. Aber warum waren diese Männer mit Waffen und Papierkarten heute, im Jahr 2049, immer noch nicht mit ihrer Vergangenheit vertraut?

Ich öffnete den Mund, um Anweisungen zu geben, aber Günther unterbrach mich und zeigte in die Richtung der versprochenen Evakuierung.

„N-n-nikolskaia ist d-d-dort“, stotterte er und zeigte nach links, auf den einzigen Teil des Horizonts, der noch nicht vom schwarzen Rauch der Brände bedeckt war. 

Wir gingen langsam und stolperten über Steine und Trümmer. Als wir an einem großen Gebäude vorbeikamen, das in Flammen stand und langsam erlosch, roch ich einen deutlichen Metallgeruch. Sobald dieser Geruch meine Nase erreichte, wurde mein ganzer Körper von Entsetzen ergriffen, und wieder einmal wurde ich von einem Déjà-vu-Erlebnis verfolgt. Nur sah ich diesmal einen anderen Ort vor meinen Augen, der zwar ähnlich ausgebrannt war, aber nicht Moskau war. Das Bild verschwand schnell und tauchte mehrmals wieder auf, wie einzelne Szenen, die ein Redakteur vergessen hatte, aus der endgültigen Version eines Films auszuschneiden. Die zerstörte Stadt, die vor mir aufblitzte, lag direkt an einem Meer. Aber es roch überhaupt nicht nach Wasser, sondern nach dem Geruch eines kürzlich ausgebrochenen Feuers.

Ein Schlag mit dem Gewehrkolben eines Maschinengewehrs vertrieb diese Bilder sofort aus meinem Kopf. Der Mann, der die Waffe in der Hand hielt, zielte eindeutig auf meine Schläfe, aber er verfehlte mich knapp und streifte nur meinen Hinterkopf. Ich schwankte, konnte aber durch den überraschenden Schlag das Gleichgewicht nicht halten und fiel auf alle Viere. Ich stützte mein Gewicht auf meine Hände, streckte meine Arme aus und drückte mich wieder hoch, um Halt zu finden.

Als wir um die Ecke kamen, blieben wir am Ostap-Bender-Platz stehen. Er ist malerisch, aber von Hochhäusern umgeben, mit etwa einem Dutzend Bäumen in der Mitte des Platzes, die jetzt knusprig und verkohlt sind und nur noch ein paar Flammen an den Stämmen züngeln. Auf dem Balkon eines der Gebäude hing ein Betttuch, auf dem mit schwarzer Farbe die Worte „Für den Frieden“ geschrieben waren. „Mindestens verdeckte es ein Teil von der blöd dekorierten Fassade“, dachte ich. Meine Aufmerksamkeit wurde von einer Gruppe von Menschen erregt, die sich vom Eingang entfernten. Jeder der Männer trug eine Toilette mit. Bei einigen von ihnen blieben die Bodenfliesen, an denen sie installiert worden waren. Maschinengewehre lagen auf einem Haufen neben der Tür. Ich erinnere mich, dass Dupré bei einer Sitzung sagte, wir hätten Millionen von Toiletten für die Russen gekauft. „Verdammt“, dachte ich, „Brauchen die die noch?“

 „Warum sind wir hierhergekommen?“, fragte einer unserer Wächter und machte eine Handbewegung, als würde er das Gebäude zeigen. Der andere zuckte nur mit den Schultern. Er warf einen Blick auf die Männer mit den Toiletten und rief: „Sieh nur, wie sie auf unsere Kosten abkassieren!“

Ich warf einen Blick auf Günther Dupré, der sich in der für heute üblichen Panik umsah.

„Der Transport hätte hier sein müssen“, flüsterte er mir zu.

„Na ja, vielleicht Lieferdrohnen“, sagte ich ironisch und verwies auf die kleine Fläche des Ostap-Bender-Platzes. „Ich glaube, du hast dich geirrt, dass die Evakuierung von hier aus angeht.“

Ich hätte nicht gedacht, dass Duprés Gesicht noch blasser werden könnte. Aber jetzt sah es so aus, als die Haare auf seinem Kopf in Realzeit grau würden. Er machte ein paar vorsichtige Schritte auf mich zu und steckte seine Hand in meine Tasche.

„Was machst du da?“ Ich sprang zurück und stieß dabei fast die Schulter eines der Wachleute an. In diesem Moment versuchte er, mit einem altertümlich aussehenden Gerät, einem schwarzen, rechteckigen Kasten mit Knöpfen und einer stabförmigen Antenne an der Oberseite, Kontakt zu seinem Befehlshaber aufzunehmen. Das Gerät gab ein fürchterliches Zischen von sich. Einmal sah ich Frau Mao mit etwas Ähnlichem, weil sie sich strikt weigerte, eine Uhr zu kaufen.

Günther Dupré nutzte das Chaos, das in den Köpfen unserer Wächter herrschte, und ging ein paar Schritte zur Seite. Ich versuchte, ihn festzuhalten, um ihn zu stoppen, aber er war schon zu weit weg. Mit ein paar leisen Schritten schlich er sich an das nächste Gebäude heran und blieb direkt unter der Inschrift „Für den Frieden“ stehen. Plötzlich drehte sich unser Begleiter, der das Kommunikationsgerät in der Hand hielt, aus dem jemand laut schrie, um und befahl: „Wir haben Befehl, die beiden zu beseitigen.“ Die Männer hoben ihre Waffen und machten sich bereit zu schießen.

Sobald sie merkten, dass Günther sich bewegt hatte, rief einer von ihnen „Halt!“, und begann zu schießen.

Erschrocken von dem Geräusch ließen den Männern in der Ferne ein paar Toiletten fallen, die sofort in Stücke zerbrachen. Ich stürzte auf den Gehweg und schluckte meine letzte Pille. Mit dem Augenwinkel sah ich, wie Günther scharf abbog und zum Eingang rannte. Die Kugeln holten ihn schließlich ein, und er fiel zu Boden. Der Kommandeur des Toilettenträgertrupps schrie seine Untergeordneten an, die ihre wertvolle Fracht fallen gelassen hatten. Meine beiden Wachleute liefen schnell zu dem noch warmen Dupré und begannen, seine Taschen zu durchsuchen.

Ich hob meinen Kopf und sah mich um. Die Toilettenmänner setzten ihre Prozession fort, meine Bewacher fluchten laut. Dann sahen sie mich an und schrien: „Er hat den USB-Stick!“

„USB-Stick?“ Ich dachte: „Was ist das?“ Dann fiel mir ein, dass Günther mir etwas in die Tasche gesteckt hatte. Ich steckte meine Hände in die Taschen, aber sie waren so verschwitzt, dass ich mit den Fingern nichts mehr fühlen konnte. Meine Epilepsie-Medikamente verlangsamten meine Gedanken, und ich beschloss erst dann zu fliehen, als die erste Kugel über meinen Kopf hinwegflog und in einen Baum einschlug. Splitter, die sich mit den kleinen Sternen in meinen Augen vermischten, flogen in alle Richtungen. Ich bückte mich gerade, als mich die zweite Kugel ins Bein traf. Mein Körper gab nach. Ein dumpfer Schmerz durchdrang meine Muskeln, aber das Adrenalin betäubte meine Sinne.

Meine Willenskraft zusammentreiben, gelang es mir, meinen Körper in Bewegung zu setzen und wie durch ein Wunder hinter einem Baum zu landen. „Ich bin am Leben“, dachte ich. Dann hörte ich weitere Schüsse. Ich schloss meine Augen und sah bunte Räder, die sich in einer Art chaotischem Tanz drehten. Mein Kopf begann zu schmerzen, und ich versuchte mit aller Kraft, meinen Kopf mit den Armen zusammenzudrücken, als ob das helfen würde. Vor Schmerzen krümmt, vergaß ich völlig mein verwundetes Bein. Die nächste Kugel, die an mir vorbeipfeifte, verstopfte mir die Ohren. Plötzlich hörte das Kaleidoskop vor meinen Augen auf, und mit einem Mal war ich von völliger Stille und Dunkelheit umgeben.

Ich weiß nicht mehr, ob ich das Bewusstsein verloren habe oder ob meine Medikamente versagt haben und ich einem weiteren Anfall erlegen bin. Aber ich kam zu Bewusstsein, als mich jemand wieder auf die Beine zwang und mich an einen Baum lehnte.

„Wer sind Sie?“, sprach eine bedrohliche Stimme zu mir. Sie wiederholte sich. Sie sprach kein Russisch, aber ich verstand sie. „Ukrainer?“, schoss es mir blitzartig durch den Kopf.

„Hektor Kharabetts, ein Einwohner… Zivilperson“, schaffte ich die Worte herauszupressen, schauend gerade noch so durch meine Augenlider auspressen. 

„Kennen Sie Günther Dupré?“ Der Mann in Militäruniform war kleiner als ich, aber er schaffte es trotzdem, mich zu überragen.

„J-ja, ich habe für ihn gearbeitet“, sagte ich.

„Nun, dann verabschieden Sie sich.“ Der Mann wich plötzlich zurück und richtete seine Waffe auf mich. Er war bereit abzudrücken, als ihn eine andere Stimme unterbrach.

„Warte!“ Die Stimme war dünn und kratzig, wie bei einem Raucher. Eine Frau in voller Militärmontur tauchte vor mir auf. Es kam mir vor, als hätte ich sie schon einmal gesehen, aber mein Gedächtnis völlig weigerte sich, zu funktionieren. Die Frau tastete mich ab und durchwühlte meine Taschen. Nachdem sie die letzte Tasche durchsucht hatte, nahm sie die kleine Speicherkarte heraus, die ich an diesem Morgen in Günthers Händen gesehen hatte und die er mir später in die Tasche steckte. Sie war so klein, dass ich sie übersehen hatte. „Wir werden zuerst mit ihm reden“, sagte die Frau auf Englisch.

„Aber Frau Oberst, Ma’am, er hat dem Feind geholfen“, sagte der Mann, der mich gerade erschießen wollte, enttäuscht auf Englisch. Die Frau winkte ihn ab und gab ihm zu verstehen, dass der Befehl nicht in Frage gestellt wurde.

Dann geschah alles mit blitzartiger Klarheit und Geschwindigkeit. Es gelang mir, einen Blick auf die Körper meiner Bewacher und ihrer Kollegen mit den Toiletten zu werfen, während ich um die Ecke zur Scharikow-Straße geführt wurde, und dort schoben sie mich in einen Hubschrauber. In wenigen Minuten befanden wir uns in der ukrainischen Besatzungszone von Moskau.

Der Hubschrauber landete auf dem Dach, und ich wurde so schnell in das Gebäude geführt, dass ich mich nicht einmal umsehen konnte. Ein paar Minuten später saß ich mit gefesselten Händen an einem Tisch in einem kleinen Raum mit Glaswänden und sonst nichts. Mir gegenüber saß die Frau, der ich es zu verdanken hatte, dass ich noch am Leben war, und neben der Tür stand ein Soldat in voller Uniform mit einem Maschinengewehr. An seinem Arm trug er eine kleine blau-gelbe Flagge. Ich wusste eine Menge über Chinesen und Europäer, aber ich hatte keine Ahnung, was ich von denen zu erwarten hatte, die wahrscheinlich vom gleichen Blut waren wie ich. Die Frau schwieg, bis ein Arzt den Raum betrat und mein verwundetes linkes Bein neu verband.

„Sprichst du Ukrainisch?“, fragte mich die Frau Oberst auf Ukrainisch.

„Ich verstehe ein wenig, aber ich spreche besser Chinesisch oder Englisch.“ Ich schaute auf den Boden.

„Gut“, fuhr die Frau auf Englisch fort. „Du warst ein Gehilfe von Günther Dupré?“

„Ein Gehilfe?“, wiederholte ich.

„Jahrelang habt ihr Waffen an die Russen geliefert – jetzt habt ihr die Konsequenzen.“ Die Frau Oberst nahm eine Packung Kaugummi heraus und steckte sich zwei Stück in den Mund. Ich sah sie an. Sie kaute langsam und beobachtete mich aufmerksam.

 „Was für Waffen?!“ Ich war empört und hätte zum ersten Mal in meinem Leben fast meine Stimme erhöht. „Wir haben uns mit Erziehungsprogrammen, Unterricht und Unterstützung beschäftigt. Da gab es keine Waffen!“

Ich weiß nicht, was mir auf meinem Gesicht geschrieben war, aber die Frau Oberst lächelte. Oder vielleicht glaubte sie mir einfach nicht. Plötzlich sprang sie auf und schrie mir ins Gesicht: „Fünf Jahre lang habt ihr in guter Absicht diesen Idioten Geld in die Hand gedrückt! Ist es Ihnen nicht in den Sinn gekommen, dass sie es für etwas anderes ausgeben würden? Fast jede Woche gab es Terroranschläge!“

Ich glaube, ich habe sie in diesem Moment erkannt. Jahrelang hatte ich sie gesehen, aber ich konnte mich ihr nicht nähern. Sie war dieselbe Frau, die mich in meinen Träumen anrief! Ich vermute, dass ich ihr in diesem Moment dumm vorkam. Ich wurde eines Verbrechens beschuldigt, und ich lächelte erleichtert. Die Frau Oberst zog eine Grimasse. Dann hörte sie etwas durch ihren Ohrhörer und nahm ihr Tablet in die Hand, um etwas auf dem Bildschirm zu prüfen. Allmählich wurden die Umrisse ihres Gesichts weicher.

„Also, Mr. Hektor Khara-d-m-bts…“ Die Frau Oberst stolperte über meinen Nachnamen, ohne ihr energisches Kaugummikauen zu unterbrechen. Sie war wunderschön, genau wie die Frau in meinen Träumen. Aber warum in aller Welt sollte ich sie für diese Frau halten? Meine Hand begann wieder zu jucken, und ich versuchte, sie mit den Plastikklemmen zu kratzen, die meine Hände fesselten.

Die Frau Oberst bemerkte das und starrte auf meine Hände. Nach ein paar weiteren Kauen nahm sie den Kaugummi aus dem Mund und steckte ihn unter den Tisch.

„Warum hast du nicht gesagt, dass dies Ihr erstes Pflichtpraktikum nach dem Waisenhaus war? Und dass du dort als Hausmeister gearbeitet hast?

„Ist das wichtig?“ Ich zuckte mit den Schultern. 

„Ja, das ist es.“ Die Frau faltete ihre Hände und lehnte sie gegen den Tisch. „Ein ukrainisches Kind aus Mariupol, das im Jahr 2022 mit seiner Mutter gewaltsam weggebracht wird.“ Ihre Lippen zitterten leicht. „Mein Vater wurde getötet, als er meine Großmutter und uns nach Zaporizhzhia brachte.“ Dann streckte sie mir ihren Arm entgegen und hob den Ärmel ihrer Uniform an, wobei sie mir für eine Sekunde dieselbe x-förmige Tätowierung zeigte, die auch ich knapp unterhalb Handgelenks habe. Dann mischte sie Papiere in einer Mappe, fast fürchtete sie, die Wache an der Tür könnte das Tattoo bemerken. „Danach das Waisenhaus und ein Job, den du nicht ablehnen konntest“, fuhr sie fort. „Du hast sogar Informationen über das schwarze Buch und die illegale Finanzierung der ‚Neuen Russen‘ sichergestellt, die uns jetzt die Hände binden werden.“

Die Frau Oberst sprach etwas in ihren Kommunikator und begann auf und ab zu gehen. Zuerst umrundete sie einige Male schweigend den Raum. Dann spürte ich, dass sie für einen Moment hinter mir stehen blieb. Ich wette, dass sie versuchte, in mein Bewusstsein zu schauen, um herauszufinden, ob ich böse Absichten hatte. Sie ging weiter in dem Kreis herum und fragte: „Du hast also wirklich geglaubt, dass du sie umerziehen kannst?“

„Auf der Hauptversammlung berichtete Dupré, dass Beratungen mit Psychologen, Menschenrechtsvertretern, Sozialdemokraten und der VN stattgefunden haben… Und alle haben das Projekt unterstützt“, sagte ich. „Die Russen hatten einst eine großartige Kultur, litten aber unter der Tyrannei, also beschlossen wir, ihnen einen anderen Weg zu zeigen. Ein kontrolliertes Experiment, sozusagen. Die Idee war (ich hatte sie mehrmals auf einer Website gelesen, um sie mir einzuprägen): Wir vertrauen ihnen, wir helfen ihnen, sich als vollwertige Menschen zu fühlen, wir arbeiten mit ihnen zusammen, wir ermöglichen die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen…“

„Hah!“ Die Frau Oberst unterbrach mich. In diesem Moment winkte ihr jemand durch die Glasscheibe zu, und sie verließ den Raum.

Die Frau Oberst schloss die Glastür und erklärte jemandem langatmig etwas, wobei sie kaum mit den Händen gestikulierte. Dann hörte sie dem Mann lange Zeit zu, ohne sich zu bewegen. Ich konnte kaum Ukrainisch und war nicht in der Lage, ein einziges Wort von den Lippen abzulesen. Plötzlich erschien ein breites Lächeln auf dem Gesicht der Frau Oberst, und sie umarmte den Mann, mit dem sie gerade sprach. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass mir ein Lächeln aufrichtig erschien. Ohne nachzudenken, lächelte ich ebenfalls.

Nachdem das Gespräch beendet war, öffnete sie die Glastür und sagte: „Wenn alles vorbei ist, könnest du nach China zurückkehren.“

„Vorbei?“, fragte ich, aber sie war bereits verschwunden.

Ich blieb sitzen. Eine halbe Stunde später flüsterte jemand dem Wärter etwas ins Ohr, und er befahl mir aufzustehen. Er löste die Plastikfesseln von meinen Händen und brachte mich in ein kleines, aber gemütliches Zimmer. Ein Bett, eine Kommode, ein Tisch mit Stuhl und ein separates Bad mit Dusche. Der ganzen Zeitdauer des Verhörs dachte ich, sie würden mich ins Gefängnis werfen, aber ich hatte Glück und landete in einem warmen Zimmer mit einer weichen Matratze.

Nachdem ich heiß geduscht und mich zum Schlafen hingelegt hatte, hörte ich weitere Explosionen durch das Fenster, das ich geöffnet hatte, um das Zimmer zu lüften. Meine Hand griff unwillkürlich nach den Epilepsie-Tabletten in meiner Hosentasche, die an einer Stuhllehne hing, aber meine Tasche war leer. Mein Atem beschleunigte sich und wurde schwerer. Es fühlte sich an, als würden Ameisen über meinen Körper krabbeln. Etwas rührte sich in meinem Bauch.

Aber das hier… das war irgendwie anders. Ein paar Minuten vergingen, und es gab keinen Anfall. Und kein Déjà-vu. Als mir diese Erkenntnis kam, fiel ich nicht zu Boden. Ich blieb an Ort und Stelle, in dem warmen Bett, ohne Tabletten, aber mit Explosionen im Hintergrund. Diesmal wirkte die bedrohliche Bombardierung wie ein Schlaflied. Nach einer Sekunde fielen mir die Augen zu, die Erschöpfung überkam mich, und ich fiel in einen tiefen, ruhigen Schlaf.

„Zone 5 existiert nicht mehr“, teilte mir die Frau Oberst am nächsten Morgen fröhlich mit. „Die Informationen aus dem USB-Stick deiner Organisation haben alle in Europa schockiert, hauptsächlich in den Oben“, sagte sie und zeigte auf die Decke.

Ich rieb mir die Augen und versuchte zu verstehen, wo ich war, und was geschah. Mein Bein begann zu schmerzen, weil ich mich gestern verletzt hatte, und ich zuckte zusammen.

„Ich habe mit dem Direktor geredet“, lächelte sie. „Er wird dir erlauben, in der Ukraine zu bleiben. Gemäß dem Gesetz können sie dir sogar einen Reisepass ausstellen, wenn du Informationen über deine Verwandten findest. Oder du kannst nach China gehen, um bei den Menschen zu sein, mit denen du aufgewachsen bist. Was willst du nun tun?“

„Das passiert alles so unerwartet“, murmelte ich und setzte mich im Bett auf. Die Frau starrte mir direkt in die Augen, was mich verlegen werden ließ. Dann dachte ich an Frau Mao, an meine Arbeit als Hausmeister, und brach aus: „Ich will nicht mehr zurück!

„Gut“ lächelte die Frau Oberst und klopfte mir auf die Schulter. Dann nahm sie eine kleine blau-weiß gefärbte Tube heraus und drückte sie mir in die Hand. „Es wird nicht mehr jucken“, flüsterte sie, nickte auf die Tätowierung und ging.

Da ich noch nicht ganz wach war, vergaß ich, sie zu fragen, was mit Zone 5 geschehen war. In den nächsten Tagen fanden große Feierlichkeiten statt, aber noch immer konnte mir niemand eine präzise Erklärung geben. Alle riefen: „ROZ-YII-BAH-LY!“ Einige sagten, dass Zone 5 nun ein Ödland sei, während andere sagten, es sei ein riesiger giftiger See.

Auch über das Schicksal der lokalen Bevölkerung herrschte keine Einigkeit. Ukrainische Journalisten behaupteten, alle Menschen dort seien getötet worden oder hätten sich „selbst aufgelöst“. Westliche Experten beharrten darauf, dass eine Gruppe von Menschen zurückblieb, die eine neue Religion schufen – einen Kult zur Anbetung der Weißen Toilette. Ein italienischer Journalist entdeckte sogar ein Gebäude in der Nähe von Kiew, aus dem die Russen seiner Meinung nach das Artefakt während des Krieges von 2022 gestohlen hatten. Aber ich denke, selbst wenn jemand überlebt hat, würde er lieber die Leiche aus dem Mausoleum verehren – warum sonst sollten die Terroristen sie stehlen wollen? Übrigens ist es nur wenigen Menschen aufgefallen, mir aber sehr wohl, dass nach dem Verschwinden von Zone 5 kein einziger terroristischer Akt auf der ganzen Welt stattfand. Genauso unmerklich und leise verschwand die VN.

Anfangs brachten sie mich in ein Wohnheim am linken Ufer von Kiew unter und gaben mir ein kleines Stipendium. Da ich keine Arbeit finden konnte, lernte ich in meiner Freizeit (und davon hatte ich eine Menge) Ukrainisch. Nach dem Studium ging ich in die Archive. Nach zwei Wochen der Suche fand ich einen Eintrag über meinen Vater. Er wurde im September 2022 während der Befreiung von Amwrosiwka durch russischen Beschuss getötet. Ein Mitarbeiter des Archivs half mir, das Dokument in eine spezielle Datenbank hochzuladen. Ein paar Wochen später rief man mich an, stellte mir einen Pass aus und bot mir an, mir zu helfen, in meine Geburtsstadt Mariupol zurückzukehren.

Das kleine Haus befand sich in einem Vorort von Mariupol, in einer großen Ferienhaussiedlung namens Steel an der Küste des Asowschen Meeres. Ein General, dessen Nachname ich nicht mehr weiß, gab mir die Schlüssel und sagte, er sei der Waffenbruder meines Vaters.

Die gute Nachricht ist, dass, seit ich hier am Meer lebe, meine epileptischen Anfälle aufgehört haben, ebenso wie das unangenehme Gefühl eines Déjà-vus. Ich klage nicht mehr über mein Gedächtnis. Jetzt bezweifle ich sogar, dass ich die Krankheit überhaupt hatte.

Manchmal erwische ich mich in meinen Träumen dabei, dass ich nach Moskau zurückkehren und die Lage in Zone 5 auskundschaften möchte. Aber jedes Mal, wenn ich am Meer spazieren gehe, fängt mein Gesicht die ersten zaghaften Sonnenstrahlen und Salzwasser Tröpfchen ein, die von der Morgenbrise getragen werden, und ich bin überzeugt, dass ich bleiben muss. Außer Bomben und Déjà-vu gibt es dort nichts. Nicht einmal die weiße Toilette, die alle verehren. Aber hier unter meinen Füßen sind so schöne Muscheln. Und sie sind echt.

Ich denke oft an die Frau Oberst und ihr Lächeln zurück – das erste aufrichtige Lächeln, das ich je in meinem Leben gesehen habe. Einmal habe ich sie sogar in den Sozialnetzwerken aufgesucht und ihr geschrieben, aber ich habe nie eine Antwort erhalten. Etwa zehn oder fünfzehn Jahre später sah ich, wie sie interviewt wurde, und sie war bereits ein General. Auf ihrem Gesicht war dasselbe Lächeln zu sehen, das mich zum Lächeln brachte.

Ich bin hier, in Mariupol, an der Küste des Asowschen Meeres. Hier habe ich nicht mehr das Verlangen, die Fenster mit Rollläden zu schließen, sondern wache jeden Morgen voller Energie für mein Architekturstudium auf – meinen neuen Beruf. Sie halten mich auf Trab. Und mit der Zeit habe ich sogar Frau Mao und Günther Dupré vergessen, und dass es einmal einen Ort namens Zone 5 gab.

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